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"Das Internet revolutioniert Kommunikations- wie auch Literaturformen rasant."


(JT - Hannover)"Das Internet ist in seiner Bedeutung als kultureller Meilenstein in der Entwicklung der Menschheit mit der Erfindung der Gutenbergischen Druckerpresse gleichzusetzen." sagt der Hannöversche Germanist und Literaturwissenschaftler Konstantin Kountouroyanis, der sich mit dem Medium bereits seit den frühen Anfängen beschäftigt. Konstantin Kountouroyanis, der an der Karls-Universität zu Prag und an der Han-Nam-Universität in Süd-Korea dozierte, ist sich sicher, dass das Internet, wie kaum ein anderer Medienwechsel zuvor, die Lese-, Informations-, aber auch Kommunikationsgewohnheiten der Menschen nachhaltig ändern wird. "Wer heute noch glaubt, das Internet sei allenfalls ein Medium für Fantasten und infantilen Science-Fiction Fans, der irrt sich." sagt Konstantin Kountouroyanis und er muss es wissen. Denn nach dem Abschluss seines Studiums der Germanistik (Literaturwissenschaft), Geschichte und Politikwissenschaft und studierte er nochmals drei Jahre Mathematik/Informatik in Hannover. Zur Zeit promoviert er im Fach deutsche Literaturwissenschaft an der Leibniz Universität Hannover



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Foto: K. Kountouroyanis
"Immer mehr Seiten verschwinden im Netz."
"Ohne die Druckerpresse hätte Luther, aller Wahrscheinlichkeit nach, nie den Erfolg gehabt, der zur Spaltung der Kirche in Mitteleuropa führte. Ohne die Druckerpresse hätten sich wahrscheinlich auch nie die Ideen der Französischen Revolution von 1789 über Europa verbreiten können. Den Machthabern war das gedruckte Wort, solange es nicht ihren eigenen Vorstellungen entsprach, ein Dorn im Auge. Gleiches erleben wir heute wieder. Während in Birma eine Militärdiktatur versucht, Oppositionelle von der Außenwelt informationstechnisch abzuschotten, sind von China aus viele Internetseiten mit regimekritischen Inhalten nicht erreichbar." Konstantin Kountouroyanis weiß wovon er spricht. Denn Birma hat in der jüngsten Vergangenheit die Internetverbindungen zu seinem Land kappen lassen, um eine kritische Berichterstattung über das gewalttätige Vorgehen des Militärs gegen demonstrierende Mönche zu unterbinden.

Aber auch die sog. demokratischen Staaten der Welt schärfen ihren Blick auf das Internet. Galt das Internet noch vor 10 Jahren lediglich als eine Weiterentwicklung von Fax- und Schreibmaschine, indem allenfalls pubertierende Kiddis chatteten, so warnen heutige Politiker, allen voran der derzeitig amtierende Bundesinnenminister Dr. Schäuble, vor einer terroristischen Gefahr durch das Internet und drängen zur stärkeren Kontrolle. Auch in Deutschland nimmt die Anzahl der Internetseiten zu, die plötzlich nicht mehr zu erreichen sind. "Entweder werden ganze Server beschlagnahmt oder die Durchleitung ausländischer Internetseiten unterdrückt, während sich gleichzeitig die Gesetzeslage in Deutschland für reine Internetkonsumenten wie auch Webseitenbetreiber in den letzten Jahren drastisch verschärft hat. Zeitgleich machen sich recht wenige Menschen in Deutschland Gedanken über eine mögliche Zensur im Internet." Konstantin Kountouroyanis sieht vor allem die geplante Vorratsdatenspeicherung(1) kritisch. "Eine derartige Überwachung von Telefon, eMail, Internetverkehr und Handy hat es nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik gegeben. Als besonders bedenklich fände ich eine Weitergabe der Kommunikationsprofile sämtlicher Bundesbürger an sog. Drittstaaten, wie dies kürzlich einer Pressemitteilung des Arbeitskreises Vorratsdatenspeicherung(2) zu entnehmen war." Konstantin Kountouroyanis geht deshalb davon aus, dass sich die Kommunikationsgewohntheiten künftig ändern werden.

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Angel Herrero de Frutos
"Moderne Zensurformen im Internet"


"Das Internet wurde in der Vergangenheit von Politikern und Medien verteufelt, ohne den wahren Nutzwert für eine moderne Informationsgesellschaft zu erkennen. Dabei hat sich gerade durch das Internet eine Fülle neuer Kommunikations-, aber auch Literaturformen entwickelt. Diese drohen, was zumindest das deutschsprachige Internet angeht, durch die verschärfte Gesetzeslage nach und nach wieder zu verschwinden. Besonders für unbedarfte Einzelkämpfer, etwa Jungautoren, die ihre ersten literarischen Werke kostenlos übers Internet verbreiten möchten, drohen scheinbar kostengünstige Webprojekte zum teuren Desaster zu werden, wenn erst mal eine kostenpflichtige Abmahnung wegen Nichteinhaltung der gesetzlichen Pflichten ins Haus flattert. Kürzlich erst erschien ein Bericht, wonach sämtliche Internetseiten in Deutschland bei der Deutschen Nationalbibliothek(3) innerhalb von 7 Tagen nach Erscheinen abgeliefert werden müssen. Bei Nichteinhaltung fällt das Bußgeld in Höhe von 10.000 Euro recht happig aus." 

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Bußgeldbescheid? Abmahngebühr? Das treibt so manchen Jungautor in den Ruin. "Besser nichts mehr veröffentlichen. Wie drückte sich Bundesjustizministerin Zypries aus: "Der passive Internet-Nutzer dagegen ist kaum Ziel von Abmahnern."(4)
Auf die Frage, ob dies eine Form der Zensur wäre, um kritische Autoren zum Schweigen zu bringen, antwortete Kountouroyanis: "Es gibt viele Formen der Zensur. Die Geschichtsbücher sind voll davon. Am schlimmsten aber, denke ich, ist die Selbstzensur aus Angst vor Repressalien. Wenn es ersteinmal in einem Land soweit gekommen ist, muss auch die Frage nach der Einhaltung der demokratischen Grundrechte, wie z.  B. der Meinungs- und Pressefreiheit neu diskutiert werden." Ebenfalls hält Kountouroyanis auch die Form des Abmahnwesens in Deutschland für sehr denkwürdig. "Wenn eine allein erziehende Mutter ihre Gedichte ins Internet stellt und anschließend von Rechtsanwälten abgemahnt wird, weil Pflichtangaben im Impressum ihrer Internetseiten fehlen, ist grundsätzlich dagegen nichts einzuwenden. Bedenklich wird es allerdings, wenn diese Abmahnungen kostenpflichtig und zwar in dreistelliger Höhe ausgesprochen werden, während die Jungautorin ihr Kind von Hartz IV durchbringen muss. Besonders besorgniserregend ist es, wenn Rechtswanwälte kostenpflichtige Abmahnungen gleich serienweise, quasi als Rundbrief, verschicken. Sicherlich sollte sich jeder an die Gesetze halten, doch muss auch die Verhältnismäßigkeit der Mittel gewahrt bleiben. Für mich stellt sich hier die Frage: Wer wacht eigentlich über die Wächter!"

Konstantin Kountouroyanis fürchtet um eine ganze Internetgeneration an Jungautoren und neuen Literaturformen. "Wenn sich die Lage weiterhin so zuspitzen sollte, könnte dies den Tod für gerade neu entstandene Literaturformen bedeuten und eine ganze Generation an ihrer Selbstentfaltung hindern, weil sie Bußgelder und Abmahnungen fürchtet. Ich kann mir nicht recht vorstellen, dass dies mit den Auffassungen von einer demokratischen Gesellschaft vereinbar sein sollte, die so häufig als positives Gegenbeispiel zu sog. Überwachungsstaaten in Nah- und Fernost beschworen wird." Nach Ansicht von Konstantin Kountouroyanis sollten sich deshalb Jungautorin an so genannte Online-Verlage wenden. Diese prüfen die Qualität eines Textes fachmännisch und publizieren die Texte innerhalb einer eigenen Online-Publikation, für die sie dann auch haften müssen, wenn sie gegen gesetzliche Auflagen verstoßen. Die meisten Online-Verlage verfügen auch über eine eigene Rechtsabteilung und fachlich kompetente Programmierer, wie auch Germanisten. Dem Autor würden somit eine Menge fachlicher Probleme abgenommen werden und er könnte sich voll und ganz aufs Schreiben konzentrieren. "Das kostet zwar Geld, ist aber für den Jungautor sicherer." sagt Konstantin Kountouroyanis

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Fußnoten:
(1)
http://www.vorratsdatenspeicherung.de
(2) Bundesregierung will deutsche Kommunikationsprofile an 52 ausländische Staaten weiter geben (www.1a-it-news.de)
(3) Neue Ablieferungspflicht für Homepages (www.1a-it-news.de)
(4) http://www.heise.de/ct/06/13/146/
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